Als Beispiel für eine literarische Aktion eines "Edelterroristen" soll eine Kurzfassung meiner Geschichte "Das Bundesverflixtkreuz" aus dem EMO-Handbuch dienen, sie kann als eine Art DEMOnstration künstlerisch öffentlich inszeniert werden (kein reales Kidnapping und Misshandeln). Wenn die Wut zu groß ist, reicht der freundliche, versöhnliche Brief in Form einer EMO, einer EMOtionalen Rechnung an den Verursacher von Stress, nicht aus. Auch eine lahme, zahme Demonstration hilft nicht weiter. Man braucht eine medienwirksame Aktionsgrundlage. 


Aktionsgrundlage



Siehe im EMO-Handbuch das Kapitel 13. Wie kann ich eine Skandal-EMO vermeiden - oder inszenieren?

Philipp Sonntag: EMO-Handbuch - So schreibe ich eine "Emotionale Rechnung". Thurneysser Verlag, 2007, 135 Seizen, 11,80 €.

Zur ungekürzten, gleichnamigen Geschichte siehe:

Ph. Sonntag: Das Bundesverflixtkreuz. In: G. Schmidt, G. Freyer, F. Kleinhempel (Hrsg.): Gespräche am deutschen Kamin. Der Kritische Salon und seine Gäste. Leonhard-Thurneysser-Verlag Berlin & Basel 2007, ISBN 3-939176-08-7.

Copyright Leonhard-Thurneysser-Verlag Berlin & Basel. Zitierbar, auch Nachdruck O.K., soweit das EMO Handbuch genannt wird und ein Belegexemplar übersandt wird.


"Das Bundesverflixtkreuz" (Kurzfassung)


Von Philipp Sonntag

Als das Tor sich bewegte, war ein kurzes Klicken kaum hörbar. Im Halbdunkel lag alles in zartem Grau, die Bäume warfen lange Schatten. Ernst-Friedrich, seines Zeichens der Agraradministrator, Herr Oberrat Detlefshorst, verließ die amtliche Wirkungsstätte als letzter. Die Aktentasche zog seine rechte Schulter herunter. "Fast alle Akten abgezeichnet", an Ernst-Friedrich nagte eine nervöse Ausgezehrtheit, "da sollte ich eigentlich zufrieden sein".

Er hörte ein Auto mit lautem Motor, das Kreischen von Reifen, in seiner Erschöpfung mochte er sich nicht umschauen. Ein Trippeln, rasch nahe, Adrenalin-Alarm, und im selben Moment wurde er an der Schulter nach hinten gerissen, seine Beine wurden gepackt und nach vorne geschleudert, wie im Schraubstock gehalten, er bekam ein feuchtes Tuch auf Mund und Nase gepresst: "Chloroform?" fragte er sich, schon versank alles im Nebel.

Als Ernst-Friedrich wie von weit her zu sich kam, war er in taumelige Beklommenheit gehüllt. Er hatte den Eindruck auf Stroh zu liegen, feucht-modriger Geruch, er wurde leicht durchgerüttelt, es war dunkel, nur an einer Seite meinte er schemenhaft ein Fenster zu erkennen, das manchmal für einen Moment blendend erhellt wurde. Offenbar wurde er in einem Lieferwagen entführt. Ähnlich huschten Gedanken vorüber, ohne dass er sie fassen konnte: "Wieso mich, wozu, vielleicht eine Verwechslung?"

Was würgte ihn da? Ernst-Friedrich ertastete einen Lederriemen am Hals, mit einer schweren kurzen Kette dran, er konnte sich kaum bewegen. Er fröstelte, und was war das? Ein befremdlich nacktes Gefühl um Beine und Po, er tastete, ja peinlich, er genierte sich ein wenig vor sich selbst, bemühte sich krampfhaft hellwach zu werden, hatte dumpfe Kopfschmerzen. Wer konnte so ein Interesse an ihm haben, an einem Brüsseler Verwaltungsbeamten für die Kontrolltechniken bei der Viehzucht? Er war ratlos, eine fiebrige Wehleidigkeit griff nach ihm ...

Verzweifelt versuchte er sich zu konzentrieren. Da erinnerte er sich plötzlich, wie am Bildschirm, direkt in seinem Büro, vor einem halben Jahr, eine "WARNUNG" erschienen war, mit zwei Zeilen:

          TIERQUÄLER WERDEN BESTRAFT
          Mach nur so weiter - und du bist dran!

sowie mit einem Bild von einem Stall, und einem Entwurf einer Verordnung aus seiner Abteilung. Provozierend! Dieses pop-up ließ sich nicht wegklicken, das konnten nur Hacker verursacht haben. Er hatte selbstverständlich die Sicherheitskräfte alarmiert, und kurz danach war der Spuk beseitigt.

Wochen später war ein Schweinskopf an seine Tür genagelt worden, mit grob zerfetztem Ohr, das kam von einer Blechmarke, die genau gemäß seiner Vorschrift ins Ohr gezwickt worden war, mit einer Art Zange. Ein Bild von diesem Schweinskopf war ein paar Mal mit e-mails erschienen, die sich gezielt als harmlos getarnt hatten, als kämen sie aus seinen Netzwerken. Der Ton der Anklagen war schärfer geworden, seine Ignorierung bald Routine, klick und weg.

Hatte seine Entführung hier etwas damit zu tun? Er schaute sich um. Er war wohl in einem umgebauten Wohnwagen, wo war eine Toilette? Er musste dringend, aber bei der kurzen Kette, wie sollte das gehen? Er merkte wie er wegdämmerte, war es Schlaf oder Ohnmacht, er ließ sich in die Erschöpfung hineinfallen.

Da wurde Ernst-Friedrich am Halsband grob nach oben gerissen, sah im Halbdunkel zwei breite Gestalten vor sich, von seitlich hinten meinte er auffallend kurze Beine und große runde Bäuche erkennen zu können. Und was war das? Beide hatten Ringelschwänzchen am Kreuz - ein gequältes Schmunzeln wollte Ernst-Friedrich nicht unterdrücken. Wenn das ein grober Scherz sein sollte, war es allemal besser als wenn es Gewalttäter wären - obwohl, an Grobheiten fehlte es ja keineswegs. Beide wandten sich ihm zu, ja, beide hatten Schweinegesichter, klobig, eine gelungene Verkleidung, mit typischen Schweineschnauzen. Sie packten ihn grob an und hielten ihm ein Plakat hin, mit dem Text:

          Du Mensch!
          = Schimpfwort im Schweinestall

Sie stellten zwei Näpfe auf den Boden, Wasser und einen klebrigen, ranzigen Brei, mit Spelzen, faserigen Stängeln und erdigen Wurzeln drin. Ernst-Friedrich hatte lieber Bauchweh vor Hunger. Er kauerte sich tief ins Stroh, die aufgerissene Haut, die Hitze, der fürchterliche Gestank, noch dazu der eigene, ihm wurde schwindlig, die Auszehrung ließ ihn heftig zittern ...

Da wurde die Tür aufgerissen, grelles Licht, einer hatte eine Videokamera in der Hand, der andere hielt ihm ein Plakat vor die Nase:

          Bundesverflixtkreuz
          für Verursacher großer Leiden

Ernst-Friedrich verkrampfte, kniff die Augen zusammen. "Was Leiden, was denn, wieso ich?", wollte er sagen, als der Eine seinen Kopf am Nacken packte und runter ins Stroh presste, dabei sah er eine große Zange in einer Schweinepfote, "das Ding kenne ich doch, ist das wirklich ...?", dann schien einer sein Ohr ausreißen zu wollen, an der Ohrmuschel spürte er kühles Metall und dann war alles eins, durchdringender Schmerz, sich losrütteln mit Ruck am Ende der Kette, sein Schreien: "Ich bin kein Tier, ihr Schweine!". Als Antwort gab's wieder ein Plakat:

          Ja, es tut weh!

stand da, und die Zange mit Knopf an einem Schafsohr war abgebildet. Der Schmerz den das Schaf erlitt, war deutlich zu sehen. Die Videokamera surrte.

Im nächsten Moment war er wieder allein. Jetzt beleuchtete eine kleine Lampe die mit Zeitungen tapezierten Wände, mit immer wieder demselben Artikel. Ernst-Friedrich schaute und erstarrte, als ihm immer klarer wurde, das war eine Botschaft an ihn, es war eine Verordnung aus seinem Amt:

          Allen Schafen und Schweinen ist ein Knopf mit eigener Nummer für jedes Tier ins Ohr zu stanzen, 
          die Zange dazu kann jeder bei seiner Gemeindeverwaltung ausleihen.


Sein Ohr tat höllisch weh, seine Haut war eingezwickt, jeder Versuch den Knopf vom Ohr zu lösen, verschlimmerte den Schmerz.

So war das also. Er resignierte, ergab sich in ein stoßartiges Schluchzen, atmete flach, das fiebrige Schütteln packte den ganzen Körper ... In der nächsten Nacht war der Gefängnis-Wohnwagen wieder unterwegs. Ernst-Friedrich konnte keinen klaren Gedanken fassen, vage Hoffnung und lähmende Angst wechselten in rascher Folge. Das Fahrzeug mit seinem Stall hielt noch mal an, einige Stunden vergingen - sollte er schreien, um Hilfe rufen? Er fühlte sich so schwach, dass er meinte kaum flüstern zu können.

Dann eine kurze Fahrt, Lärm draußen, die Türen wurden weit aufgerissen, Sonnenlicht ließ die Zettel an der Wand mit seinen Verordnungen freundlich erglänzen, frische Luft erlaubte ein tiefes Durchatmen, aber was war das? Grelle Scheinwerfer wurden auf ihn gerichtet, er erahnte im Gegenlicht Gestalten, die Form annahmen, Blitzlichter, auch eine Videokamera - das waren Reporter!

Eine der beiden Personen mit der Schweinemaske hatte ein Megaphon in der Hand: "Unser Tierschutzverein 'Emotio Animalis' hat einem Brüsseler Bürokraten aus Deutschland das Bundesverflixtkreuz verliehen für alles, was er unter feinfühligen Tieren anrichtet. Hier ist unsere Presseerklärung mit Bildern," er warf große Kuverts in die Menge, "das Zwicken seiner Ohren, das können Sie vergessen, das ist ja nur ein Millionstel im Vergleich zu dem Terror, den er unter Schweinen und Schafen angerichtet hat. Berichten Sie, fragen Sie ihn, wie er sich so fühlt ..."

Mitten im Satz wurde er von Polizisten gepackt, wurden seine Arme auf dem Rücken in Handschellen gelegt, was wegen der hin und her rutschenden Verkleidung mit den Schweinepfoten erst nicht gelingen wollte. Während er und sein Kumpel abgeführt wurden, schrie er noch den Reportern zu: "Nutzen Sie meine Presseerklärung, und schauen Sie auf unsere www.edel-terroristen.de/schweinestall/ dort finden Sie alles im Detail."

Alle wandten sich nun Ernst-Friedrich zu. Mit einer müden Bewegung versuchte er seine Blößen zu bedecken, peinlicher war ihm der Gestank. Demonstrativ zeigte er auf seine schmerzenden Ohren. Schon war eine Ambulanz bei ihm und breitete weiße Tücher über ihn aus, legte ihn mit einer Behutsamkeit, die ihm wie im Traum vorkam, auf die Trage ...

Es dauerte Wochen, bis Ernst-Friedrich wieder - nun ja, ins Amt gehen konnte und Akten abzeichnen, er hatte sich zur Verkehrsbewirtschaftung versetzen lassen - und es verging keine Woche seines Lebens, in der er sich nicht voller Zweifel und Grübeleien fragte, was er denn nun richtig und was er falsch machte - egal wie all seine Freunde und Bekannten auf ihn einredeten. Er konnte sich in die Tiere einfühlen, keine Ambulanz wird sie von den Schmerzen und Ängsten erlösen. Er musste immer an das "Bundesverflixtkreuz" denken.

Er machte seine Zeugenaussagen nachdem man ihm erlassen hatte, vor Gericht zu erscheinen. Seine Peiniger wollte er nie mehr sehen, auch nicht als die Verurteilung im Fernsehen gezeigt wurde, und ebenso wenig die Reporter trotz vieler Nachfragen und Angebote. Er blieb lieber zu Hause, sein Verhältnis zu seinem Dackel Xaver wurde wunderbar einfühlsam, am liebsten kraulte er ihm behutsamst die Ohren ...


Philipp Sonntag: EMO-Handbuch - So schreibe ich eine "Emotionale Rechnung". Thurneysser Verlag, 2007, 135 Seiten, 11,80 €. zum Bestellformular